Ein neu entdecktes Fragment einer alten tektonischen Platte gleitet unter Nordamerika, wo sich die Verwerfungslinien San Andreas und Cascadia treffen. Die am 15. Januar in Science veröffentlichte Studie zeigt, dass dieses lange verschollene Stück – das Pionierfragment – das Erdbebenrisiko in einer Region erhöhen könnte, die bereits anfällig für massive seismische Ereignisse ist.
Das verborgene Teil des Puzzles
Das Pioneer-Fragment ist ein Überrest einer ozeanischen Platte, die vor etwa 30 Millionen Jahren unter die Nordamerikanische Platte subduzierte. Anstatt vollständig im Erdmantel zu versinken, blieb es am Boden des Pazifischen Ozeans hängen und bewegt sich nun mit ihm nach Nordwesten. Dies geschieht am Mendocino Triple Junction, einer komplexen geologischen Zone, in der die San-Andreas-Verwerfung (eine Streich-Schlupf-Grenze) auf die Cascadia-Subduktionszone (wo eine Platte unter eine andere taucht) trifft.
Warum das wichtig ist: In der Cascadia-Subduktionszone können Erdbeben der Stärke 9,0 oder höher auftreten. Auch die San-Andreas-Verwerfung stellt eine erhebliche seismische Gefahr dar. Das Hinzufügen eines weiteren dynamischen Elements – eines gleitenden Fragments einer alten Platte – verkompliziert die Situation und könnte möglicherweise das Risiko großer Erdbeben erhöhen.
Eine tektonische heiße Kartoffel
Forscher nutzten winzige, niederfrequente Erdbeben und Erschütterungen, um die subtilen Bewegungen dieser Platten zu kartieren. Ihre Analyse ergab, dass das Pionierfragment nicht abtaucht, sondern seitwärts gegen den nordamerikanischen Kontinent gleitet.
Noch überraschender ist, dass Teile der Gorda-Platte, die normalerweise unter Nordamerika abtaucht, anscheinend abgekratzt wurden und nun wie eine „tektonische heiße Kartoffel“ an die Gorda-Platte zurückgegeben werden und möglicherweise erneut absinken. Dieses chaotische Zusammenspiel erklärt, warum einige der vergangenen Erdbeben in der Region in unerwartet geringen Tiefen auftraten.
Die unbekannte Gefahr
Zwischen dem Pioneer-Fragment und der Nordamerikanischen Platte liegt eine nahezu horizontale Verwerfung, wie eine verborgene Schicht innerhalb einer geologischen Struktur. Die entscheidende Frage ist, ob diese Verwerfung große Erdbeben auslösen kann. Derzeit ist sie nicht in bestehenden Gefahrenmodellen enthalten, was bedeutet, dass ihr potenzieller Beitrag zum seismischen Risiko unbekannt bleibt.
„Wir wissen nicht, ob diese Verwerfung große Erdbeben auslösen kann, aber es handelt sich um eine Verwerfung, die derzeit nicht in den Gefahrenmodellen enthalten ist“, sagte David Shelly, Geophysiker beim U.S. Geological Survey. „Das ist also etwas, über das wir in Zukunft nachdenken müssen.“
Die Entdeckung des Pionierfragments unterstreicht die komplexe und unvorhersehbare Natur der Plattentektonik. Während die genauen Auswirkungen auf die Erdbebengefahr noch unklar sind, unterstreicht dieses Ergebnis die Notwendigkeit fortlaufender Forschung und aktualisierter Risikobewertungen im pazifischen Nordwesten.
