Neue Computerforschungen deuten darauf hin, dass das Innere von Uranus und Neptun eine bisher unbekannte Form von Materie enthalten könnte. Wissenschaftler haben einen „quasi-eindimensionalen superionischen Zustand“ von Kohlenstoffhydrid identifiziert – eine Entdeckung, die unser Verständnis der Funktionsweise dieser massiven Planeten grundlegend verändern könnte.

Das Geheimnis der Eisriesen

Uranus und Neptun werden als „Eisriesen“ klassifiziert, ein Begriff, der sich eher auf ihre Zusammensetzung als auf ihre Temperatur bezieht. Im Gegensatz zu den Gasriesen Jupiter und Saturn, die hauptsächlich aus Wasserstoff und Helium bestehen, verfügen diese Planeten über dicke Schichten „heißen Eises“, die sich zwischen ihrer äußeren Atmosphäre und ihrem felsigen Kern befinden.

Diese Schichten bestehen aus Wasser, Methan und Ammoniak. Allerdings sind die Bedingungen tief im Inneren dieser Planeten so extrem, dass die üblichen chemischen Regeln nicht mehr gelten. Um diese Umgebungen zu verstehen, müssen Forscher über die traditionellen Materiezustände – fest, flüssig und gasförmig – hinausblicken, um die exotische Physik zu erforschen, die aus starkem Druck und Hitze entsteht.

Ein hybrider Zustand der Materie

Mithilfe von Hochleistungsrechnen und maschinellem Lernen simulierte ein Team unter der Leitung von Dr. Cong Liu von der Carnegie Institution for Science das Verhalten von Kohlenstoffhydrid unter Bedingungen, die das tiefe Innere dieser Planeten nachahmen. Die Simulationen konzentrierten sich auf:
* Extremer Druck: 500 bis 3.000 Gigapascal (bis zum 30-Millionen-fachen des atmosphärischen Drucks der Erde).
* Hohe Temperaturen: 4.000 bis 6.000 Kelvin.

Die Ergebnisse zeigten einen superionischen Zustand, eine seltene Phase der Materie, die als Hybrid zwischen einem Feststoff und einer Flüssigkeit fungiert. In diesem Zustand bildet eine Atomart ein starres, kristallines Gerüst (der Kohlenstoff), während eine andere Atomart (der Wasserstoff) mobil wird und durch diese Struktur fließt.

Die „Spiral“-Entdeckung

Das Besondere an diesem spezifischen Befund ist die Richtung, in die sich der Wasserstoff bewegt. Anstatt wie eine Flüssigkeit frei in alle Richtungen zu fließen, bewegen sich die Wasserstoffatome entlang wohldefinierter, helikaler (spiralförmiger) Bahnen innerhalb der Kohlenstoffstruktur.

„Diese neu vorhergesagte Kohlenstoff-Wasserstoff-Phase ist besonders auffällig, weil die Atombewegung nicht vollständig dreidimensional ist“, bemerkte Dr. Ronald Cohen von der Carnegie Institution for Science. „Stattdessen bewegt sich Wasserstoff bevorzugt entlang genau definierter helikaler Bahnen, eingebettet in eine geordnete Kohlenstoffstruktur.“

Warum das für die Planetenwissenschaft wichtig ist

Diese Entdeckung ist mehr als eine theoretische Kuriosität; es hat tiefgreifende Auswirkungen auf die physikalischen Eigenschaften von Uranus und Neptun. Da sich die Wasserstoffatome so spezifisch und gerichtet bewegen, werden sie zwei entscheidende Prozesse auf dem Planeten beeinflussen:

  1. Wärmeumverteilung: Die Art und Weise, wie sich Energie vom Kern zur Oberfläche bewegt, hängt davon ab, wie sich Atome im Inneren bewegen.
  2. Erzeugung eines Magnetfelds: Die elektrische Leitfähigkeit dieser Schichten ist ein entscheidender Faktor dafür, wie ein Planet sein Magnetfeld erzeugt. Wenn die Materie im Inneren „quasi-eindimensional“ ist, verändert sie die Art und Weise, wie Elektrizität fließt, was möglicherweise die einzigartigen magnetischen Signaturen erklärt, die bei Eisriesen beobachtet werden.

Fazit

Durch die Entdeckung dieses komplexen Verhaltens in einer einfachen Kombination aus Kohlenstoff und Wasserstoff haben Forscher gezeigt, dass selbst die häufigsten Elemente unter Druck unerwartete Muster anordnen können. Dieser Befund bietet eine neue Linse, durch die wir die innere Dynamik und die magnetischen Geheimnisse der Eisriesen des Sonnensystems interpretieren können.