Ein überraschender neuer Ansatz zur Bekämpfung von Schlangengift beinhaltet die Verwendung von Botulinumtoxin – dem gleichen Neurotoxin wie Botox –, um die verheerenden Muskelschäden und Entzündungen zu reduzieren, die durch Vipernbisse verursacht werden. Vorläufige Forschungsergebnisse, die in Toxicon veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass diese kontraintuitive Strategie die Behandlungsergebnisse für Schlangenbissopfer weltweit erheblich verbessern könnte.
Die globale Schlangenbisskrise
Schlangenbisse sind eine vernachlässigte Tropenkrankheit, die für jährlich über 100.000 Todesfälle verantwortlich ist und Millionen weitere Menschen mit dauerhaften Behinderungen, einschließlich Verlust von Gliedmaßen, zurücklässt. Besonders akut ist das Problem in ländlichen Gebieten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, wo der Zugang zu wirksamen Gegengiften begrenzt ist. Herkömmliche Behandlungen wie Vakuumextraktion und hochkonzentrierter Sauerstoff behandeln unmittelbare Symptome, es besteht jedoch ein dringender Bedarf an umfassenderen, schneller wirkenden Lösungen. Auch die Wirksamkeit von Gegengiften variiert je nach Schlangenart.
Wie Botox helfen könnte
Die von einem Team am Lishui Central Hospital in China durchgeführte Forschung konzentriert sich auf die neurotoxischen Wirkungen von Botulinumtoxin. Obwohl es vor allem für kosmetische Anwendungen wie die Faltenreduzierung bekannt ist, scheint dasselbe Toxin die Entzündungsreaktion des Körpers auf Gift zu unterdrücken und so Muskelschwellungen und Gewebetod zu reduzieren. Die Studie konzentrierte sich auf das Gift des Chinesischen Mokassins (Deinagkistrodon acutus ), einer Viper, die dafür bekannt ist, schwere Muskelschäden zu verursachen.
Das Experiment: Kaninchen und Gift
Die Forscher injizierten 22 Kaninchen Gift, Botulinumtoxin plus Gift oder Kochsalzlösung als Kontrolle. Die Ergebnisse waren verblüffend: Kaninchen, die sowohl mit Gift als auch mit Toxin behandelt wurden, erlebten deutlich weniger Muskelschwellungen und Gewebetod als Kaninchen, denen nur Gift verabreicht wurde. Die Muskelschwellung wurde von über 30 % größer als der ursprüngliche Umfang auf kaum noch Schwellung reduziert.
Die Wissenschaft hinter der Wirkung
Das Toxin scheint das Verhalten von Immunzellen, sogenannten Makrophagen, zu beeinflussen. Gift allein löst einen Anstieg der M1-Makrophagen aus, die Entzündungen verstärken und die Giftstoffe bekämpfen. Das Toxin verschiebt dieses Gleichgewicht und führt zu einer Zunahme der M2-Makrophagen, die sich auf die Gewebereparatur konzentrieren. Forscher gehen davon aus, dass das Toxin im Wesentlichen die Entzündungsreaktion ausschaltet und die Heilung statt der Zerstörung fördert.
Was das für die Zukunft bedeutet
Obwohl diese Ergebnisse noch vorläufig sind, deuten sie auf einen möglichen Paradigmenwechsel in der Schlangenbisstherapie hin. Herkömmliche Gegengifte neutralisieren zirkulierende Toxine, tragen jedoch kaum dazu bei, lokale Entzündungen umzukehren oder Gewebenekrose zu verhindern. Botox könnte einen ergänzenden Ansatz bieten, der die Überreaktion des Körpers auf Gift lindert und die Muskelfunktion erhält. Weitere Forschung ist erforderlich, um optimale Dosierungen, Verabreichungsmethoden und Wirksamkeit bei verschiedenen Schlangenarten zu ermitteln, aber diese Entdeckung eröffnet einen vielversprechenden neuen Weg, um Leben zu retten und langfristige Behinderungen zu reduzieren.
























